Professor

Romano Prodi

Präsident der EU-Kommission

200 Rue de la Loi

 

B-1049 Brüssel

 

 

 

 

 

 

15. Februar 2001

 

 

 

 

 

Sehr geehrter Herr Präsident,

 

 

am 18. August 1999 hatte ich Ihnen die Problematik der Anwendung des CLGR

(Cyanide Leaching Gold Recovery) Prozesses zur Goldgewinnung vorgestellt.

Ihr Büro hatte mir geantwortet, dass Sie beabsichtigen, eine Kommission mit

dieser Frage zu betrauen.

 

Ich hatte dargestellt, dass der ausschließlich von der Bergbauindustrie

angewandte CLGR Prozess ein chemischer Goldgewinnungsprozess ist und nicht

unter Bergbautätigkeit aufgeführt werden kann. Der Antrag, die Anwendung des

CLRG Prozesses zur Gewinnung von Gold zu verbieten, richtet sich also nicht

gegen den Bergbau sondern lediglich gegen die aus heutiger

ökologisch-chemischer Sicht falsche Anwendung chemischer Methoden.

 

Dies Dilemma hat sich in den letzten Monaten verdeutlicht. Wie in meinem

Brief dargestellt wird der CLGR Prozess bevorzugt in menschenleeren Gegenden

angewendet. Seit etwa zwei Jahrzehnten versuchen nun mehrere internationale

Bergbauunternehmen, auch in Europa den CLGR Prozess zur Gewinnung von Gold

anzuwenden.

 

So wurde ich im Jahr 1990 von 13 türkischen Bürgermeistern aus der Gegend

von Pergamon, Troja, etc. gebeten, ein ökologisch-chemisches Gutachten zu

dem Vorschlag der Anwendung des CLGR Prozesses durch die Firma TÜPRAG zur

Gewinnung von Gold zu machen. Das Gutachten ergab, dass dies Verfahren

wissenschaftlich nicht akzeptabel ist. Dem wurde in der Folgezeit nicht

widersprochen, sondern die Ablehnungsgründe durch mehrere internationale

bzw. nationale Symposien und Publikationen erhärtet. (Anlage 1)

 

Ferner zeigte sich in der Türkei, dass der CLGR Prozess nicht nur

wissenschaftlich untragbar sondern nach Aufklärung der Bevölkerung und

Information der Aufsichtsbehörden praktisch nicht durchsetzbar ist. Die

Türkei ist auch ein gutes Beispiel für die Tatsache, dass Wissenschaft

allein keine Technologie stoppen kann. Nur mit Hilfe der Öffentlichkeit, die

in beispielhafter, selbstloser und auch gefährlicher Arbeit in der Türkei

und unter Einsatz von Person und eigenem Kapital von Frau Birsel Lemke

organisiert und durchgeführt wurde, war es möglich, die Anwendung des CLRG

Prozesses durch das Oberste Gericht in Ankara zu stoppen. Wie hoch der

persönliche Einsatz von Frau Lemke international bewertet ist, zeigt sich

deutlich. Am 8. Dezember 2000 wurde ihr in Anerkennung ihrer Arbeit der

Right Livelihood Award (Alternative Nobelpreis) in Stockholm verliehen. Der

Gründer und Präsident der Right Livelihood Foundation, Herr Jakob von

Uexkull wird Ihnen gerne eventuelle Fragen hierzu beantworten.

 

Gleichzeitig versuchten die internationalen Konzerne unter Anwendung des

CLGR Prozesses in Tschechien und auch in Griechenland Gold zu gewinnen. Nach

öffentlichen Anhörungen, Fachtagungen usw. war Tschechien das erste Land in

Europa, welches die Anwendung des CLGR Prozesses auf tschechischem Boden

verbot.

 

In Griechenland fand ein internationales Symposium am 14./15. Oktober 2000

in Komotini statt zu dem Herr Prof. Spiteller (Uni Dortmund) und ich

geladene Gäste waren. Ferner wurde ich vom obersten Verwaltungsgericht Athen

durch Herrn Councillor, Athanasios Rantos, Council of State, Athen, zu einer

Anhörung am 10. Januar 2001 über die Anwendungsrisiken des CLGR Verfahrens

eingeladen.

 

Die endgültigen Beschlüsse stehen zwar noch aus, aber die bisherigen

Verlautbarungen und Pressemeldungen sagen die klare Ablehnung des CLGR

Prozesses voraus. Eine Kurzfassung der wichtigsten Ereignisse aus dem

Griechischen übersetzt und bestätigt durch das griechische Generalkonsulat

in München, Presserat Dr. N. Sotirou, ist beigefügt. (Siehe Anlage 2)

 

Um die bisherigen Ergebnisse der Beurteilung des chemischen CLGR Prozesses

in breiterem Kreise zu diskutieren fand am 27. Oktober 2000 in Berlin eine

internationale Fachtagung mit dem Titel "Zu den ökologischen und

menschen-rechtlichen Folgen der Cyanid basierten Goldgewinnung" (siehe

Anlage 3) statt. Das Ergebnis und eine Zusammenfassung ist in Druck und wird

laut Informationen durch Academic Press im nächsten Heft der Zeitschrift

"Ecotoxicology and Environmental Safety", F. Korte, F. Coulston, Academic

Press 2001 als "Commentary" erscheinen. (Siehe Anlage 4). Auch hier ergab

sich eine eindeutige Ablehnung des CLGR Prozesses zur chemischen

Goldgewinnung. Dabei wurde unter anderem festgestellt, dass Gold kein

Mangelelement ist. Weit über 80% der Weltjahresproduktion wird zur

Schmuckherstellung benötigt. Ein Verbot des chemischen CLGR Prozesses würde

nicht zu einer Goldverknappung führen, da Gold erstens nach anderen

Verfahren gewonnen werden kann, zweitens leicht recyklisierbar ist und

drittens in unschätzbaren Tonnen als Reinmetall in Safes der verschiedenen

Gattungen gelagert ist.

 

Falls es die heutige Gesellschaft ernst meint mit der Lenkung ihrer

Industrie in Richtung Sustainability (nachhaltig, durchhaltbar), sollte der

CLGR Prozess, der ganz sicher nicht sustainable gemacht werden kann und auch

nicht die geringsten Ansprüche an soziale oder gar ethische Werte erfüllt,

in Europa unerwünscht sein.

 

Es wäre schön wenn diese Zeilen Sie überzeugen würden. Das Europäische

Parlament hat schon 1994 zu dem Prozess Stellung bezogen und eindeutig für

ein Verbot votiert. (Resolution B-0410/94, OJEC C 341 vom 5. Dez. 1994).

Trotz vieler Hinweise auch in der Literatur hat das aber nichts genutzt.

Deshalb heute noch einmal der Antrag, nach mehr als 10jähriger

internationaler wissen-schaftlicher, eindeutig negativer Stellungnahme jetzt

endlich den CLGR Prozess zur chemischen Goldgewinnung aus dem

Angebotsrepertoire von Großfirmen im EU-Bereich zu streichen. Ein solches

Verbot würde auch den Ländern der Dritten Welt helfen, die Anwendung dieses

Prozesses in ihren Ländern zu stoppen und weitere Unglücke zu verhindern.

 

Selbstverständlich stehe ich Ihnen gerne jederzeit zur Verfügung. Dasselbe

gilt auch für alle Kollegen, denen ich mir erlaube, eine Kopie dieses

Briefes zu übersenden. Herr Prof. Spiteller (Uni Dortmund) ist so

freundlich, an Frau Margot Wallström die wissenschaftliche Darstellung des

CLGR Prozesses aus heutiger Sicht zu übersenden.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

 

 

Prof. Dr. F. Korte

 

Anlagen